CEO · T-Systems
„China Speed ist der Maßstab, an dem wir uns alle orientieren müssen."
Zum LinkedIn-Beitrag dieser FolgeEr ist im Saarland aufgewachsen, hat in Boston und im Silicon Valley gelernt, wie sich „einfach machen" anfühlt – und führt heute T-Systems mit rund 27.000 Mitarbeitenden in 16 Ländern. Ferri Abolhassan erzählt in dieser Folge, warum er nach Jahren bei IBM und SAP in den USA zurück nach Deutschland ging, was ihn an der amerikanischen Mentalität bis heute prägt („dort gibt es nur positiven Neid") und was er in acht Jahren Service-Verantwortung bei der Telekom über sein eigenes Land gelernt hat: „Boah, ist Deutschland toll."
Dann wird es konkret. Er nimmt Bastian Lopez Estrada mit in den Münchner Tucherpark, wo T-Systems gemeinsam mit NVIDIA die erste KI-Fabrik Deutschlands für die Industrie gebaut hat – 30 Meter unter der Erde, gekühlt mit Wasser aus dem Eisbach, von der Entscheidung bis zum Betrieb in unter drei Monaten. Er erklärt, warum digitale Souveränität kein Aufpreis sein darf, sondern wettbewerbsfähig sein muss, warum Technologiekonzerne von NVIDIA bis AWS derzeit Schlange stehen, um mit der Telekom zu sprechen, und wie aus einem Geschäftsfeld, das 2021 noch zum Verkauf stand, ein Wachstumsthema für den gesamten Konzern werden könnte.
Dazu: sein Mantra „lieg niemandem auf der Tasche", sein Nordstern („erfolgreich bleiben und gewollt bleiben"), eine sehr direkte Abrechnung mit KI-Halbwissen – und warum Regeneration für ihn genauso zum Training gehört wie die Anspannung.
„Hör den Leuten zu, hör den Kunden zu – dann weißt du, was zu tun ist."
— Dr. Ferri Abolhassan
Im September fiel die Entscheidung für einen „schnellen Brüter" – so haben sie das Projekt intern genannt: ein Beweis, dass sich mit einer KI-Fabrik Geld verdienen lässt. Damals war weder der Standort klar noch der Partner für den Bau. Im November kam die Ankündigung, und von Anfang November bis Ende Januar lief die tatsächliche Planungs- und Bauzeit; nach außen hat man großzügig sechs Monate kommuniziert – „muss man nicht übertreiben". Entstanden ist die erste KI-Fabrik Deutschlands für die Industrie: 30 Meter unter der Erde im Münchner Tucherpark, gekühlt mit Wasser aus dem Eisbach, betrieben mit grüner Energie, gemeinsam mit NVIDIA, dem Rechenzentrumspartner Polarise sowie SAP und Siemens. Der Effekt: Die KI-Kapazität in Deutschland ist auf einen Schlag um mehr als 50 Prozent gestiegen – und das in einem, wie Abolhassan sagt, „eigentlich überschaubaren" Megawatt-Rahmen. Sein Punkt dabei ist weniger die Technik als die Geschwindigkeit: Man habe hier umgesetzt, „von dem andere in Deutschland nur geredet haben". Zur Auslastung wird er konkret: Die Blackwell-Chips, die vor allem für Trainingsmodelle taugen, laufen zum Zeitpunkt des Gesprächs bei 100 Prozent; die RTX-Server für industrielle Anwendungen bei 40 Prozent, weil die Industrie länger braucht, um etwas zu erschließen. Ziel bis Jahresende: mindestens 80 Prozent über die Gesamtfabrik.
Auf die Frage, ob Kunden digitale Souveränität wirklich kaufen oder nur behaupten, sie zu wollen, korrigiert Abolhassan zuerst die Prämisse: „Souveränität muss und sollte auch nicht teurer sein." Was sich verändert habe, sei der Ernst der Frage. Wo früher nur auf den Preis geschaut und direkt zu den Hyperscalern gegangen wurde, stellen Kunden heute andere Fragen: Sind meine Gesundheitsdaten, Versicherungsdaten, öffentlichen Daten tatsächlich sicher? Kann uns jemand abschalten, abhängig machen, ein Sicherheitsloch bescheren? Für die Telekom mit ihrer Marke und ihrer Aufstellung mitten in Europa nennt er das „eine Art Sonderkonjunktur" – aber eine, die man nutzen muss, statt sich auf ihr auszuruhen: „Wir können nicht einfach rumlaufen und sagen: ja, Souveränität, aber es kostet, was es wolle." Souverän und günstig, das sei der Anspruch. Interessant ist auch, wie er den Markt beschreibt: Technologiekonzerne suchen gerade alle Partner in Europa – NVIDIA, OpenAI, Anthropic, AWS – und T-Systems sei dabei „ganz vorne" gefragt. Der Grund sei die Kombination aus einer T-Systems, die mit solchen Partnern konkrete Projekte macht „und nicht nur mit denen schön Kaffee trinken geht", einer Telekom mit Finanzkraft und Vertrauensbonus, und einem B2B-Arm mit großen Enterprise-Kunden.
2021 stand T-Systems intern zur Disposition, das operative Ergebnis war negativ. Abolhassan hat Ende 2023 kein fallendes Messer aufgefangen – „man hat da schon einige gute Schritte gemacht" –, aber sein Mantra war von Anfang an klar: „Verdien dein eigenes Geld als T-Systems, lieg niemandem auf der Tasche." Zu einem Verkauf sagt er differenziert: Portfolio zu bereinigen könne zum richtigen Zeitpunkt richtig sein. „Man sollte es aber nicht tun, weil man sagt, man kriegt das im Markt nicht hin." Genau das sei jetzt widerlegt. Er erklärt auch nüchtern, warum IT und Telekommunikation unterschiedlich ticken: In der TK-Branche vergräbt man Milliarden CapEx pro Jahr in Netze, dafür sind die Margen ungleich höher als in der IT. Das habe sich durch KI und die Hyperscaler verschoben – weil die sich an die Spitze einer Bewegung gestellt haben, statt hinterherzulaufen: „Ich bin jetzt einer der Frontrunner, dann kann ich auch einen Marktpreis setzen." Sein Nordstern klingt entsprechend unspektakulär und ist genau deshalb belastbar: „erfolgreich bleiben und gewollt bleiben". Nicht Marktführer-Titel, die vergänglich seien, sondern sich für den Gesamtkonzern unersetzlich machen – „das ist für den Mitarbeiter dann auch die beste Arbeitsplatzgarantie und für das Unternehmen die beste Investmentlogik".
Auf die Frage, ob er sich mehr Tempo wünschen würde, kommt keine Sekunde Zögern: „Absolut." Und dann der Satz, der die Folge trägt: „China Speed ist der Maßstab, an dem wir uns weltweit alle orientieren müssen und sollten." Wie Jensen Huang auf Deutschland und dessen Umsetzungsgeschwindigkeit blicke? „Genauso: dass wir nicht China Speed sind." Der nächste Schritt ist die EU-Ausschreibung für eine AI-Gigafactory, an der T-Systems teilnimmt. Abolhassan ordnet das aber ausdrücklich als Telekom-Play ein, nicht als T-Systems-Alleingang: „Eine Telekom kann sich damit diversifizieren in ein Geschäftsfeld, in dem sie so bisher noch nicht positioniert war." Und er bleibt bei aller Vision hart kaufmännisch. Das Geld sei nur einmal da – Milliarden fließen in Glasfaser, denselben Betrag könne man nicht in Rechenzentren stecken, gemeinsam mit Partnern aber schon: „Wir machen das nicht aus Lokalpatriotismus oder Heldentum. Wir machen das, weil es für uns und die Shareholder ökonomisch sinnvoll ist." Ob man tatsächlich ankomme, könne er noch nicht sagen – aber der Leuchtturm stehe. Erdung liefert er gleich mit: Der mittelständische Klimaanlagenhersteller sage nicht „ich brauche eine Gigafactory", sondern „ich weiß nicht mal, was ein Token ist, und muss es auch nicht wissen – aber wenn mir jemand hilft, dass meine Anlagen seltener kaputtgehen, interessiert mich das."
Abolhassan hat über 20 Fachbücher geschrieben, rund 25 Marathons und fünf Ironman absolviert – aber er verkauft das nicht als Leistungsschau. Bücher schreibt er, weil sie ihn zur Selbstreflexion zwingen: „Das Reflektieren über das, was man macht, das ist schon nützlich an so einem Buch." Verdienen tue man daran ohnehin nichts, die Rechte gehen ans Unternehmen. Beim Thema KI wird er dann ungewohnt scharf – nicht gegen die Technologie, sondern gegen das Geraune darüber: Er könne sich aus seinem Informatikstudium alles selbst herleiten, wisse, dass in einem Foundation Model am Ende neuronale Netze und Graphentheorie stecken, und staune, „wer da alles mitredet mit wie wenig Wissen oder Halbwissen". Wer damit angebe, dass er mit ChatGPT schneller einen Aufsatz schreibe, beeindrucke ihn nicht: „Das ist alles seichter Bullshit." Es habe schon immer irgendein Tool gegeben, mit dem man billiger einkauft oder besser Reisen plant. Was ihn stattdessen antreibt, ist die Fähigkeit, mit kleinem Gepäck irgendwo hingehen und Neues verstehen zu können. Aus dem Sport bringt er die zweite Hälfte der Gleichung mit: „Regeneration gehört auch zum Training." Wer permanent den Workaholic gebe, sei „entweder ein Poser – oder hat nicht wirklich eine gute Leistungsfähigkeit". Sein Longevity-Rezept ist unglamourös und deshalb glaubwürdig: genug schlafen, genug Wasser, genug Freunde, sich geistig und körperlich betätigen. Und seine Frau Katja, mit der er seit 30 Jahren zusammen ist, sei dabei Ratgeberin ohne Ende: „Wir sind schon ein Team."
Dr. Ferri Abolhassan ist seit Januar 2024 CEO von T-Systems International und als Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom für das Segment T-Systems verantwortlich. Geboren 1964 in Saarbrücken als Sohn eines deutsch-persischen Elternhauses, machte er zunächst eine Elektroinstallationslehre im väterlichen Umfeld und studierte anschließend Informatik an der Universität des Saarlandes, wo er 1992 promovierte. Prägend waren früh die USA: ein Schüleraustausch in Boston, später Stationen am MIT und bei IBM in San Jose.
Zurück in Deutschland baute er bei SAP das Handelsgeschäft mit auf, führte vier Jahre lang IDS Scheer mit und kehrte 2005 als Executive Vice President für das Großkundengeschäft in EMEA zu SAP zurück. Seit 2008 ist er bei der Deutschen Telekom: zunächst bei T-Systems mit Verantwortung für Systemintegration, Produktion und IT, danach im Aufbau von Telekom Security, ab 2016 acht Jahre lang in der Geschäftsführung der Telekom Deutschland für Service und später auch für den Privatkundenvertrieb – eine Rolle mit rund 46.000 Mitarbeitenden, die ihn quer durch die Republik geführt hat.
Heute verantwortet er T-Systems mit rund 27.000 Mitarbeitenden in 16 Ländern; das Unternehmen führt die Lünendonk-Liste der IT-Dienstleister in Deutschland an. Abolhassan ist Aufsichtsratsvorsitzender des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), acatech-Senator, Mitglied im Bitkom-Hauptvorstand und in der Atlantik-Brücke sowie Saarland-Botschafter. Er hat über 20 Fachbücher zu IT, Management und Kundenzufriedenheit veröffentlicht, ist Ausdauersportler mit rund 25 Marathons und fünf Ironman-Distanzen – und lebt bis heute im Saarland.