Chief People & Transformation Officer · Uniper
„Vertrauen entsteht nicht in der Krise. Das entsteht in den Jahren davor."
Zum LinkedIn-Beitrag dieser FolgeAls Uniper 2022 in die Energiekrise geriet, war Fabienne Twelemann Kommunikations- und Politikchefin des Konzerns – mitten im Auge des Sturms, an der Schnittstelle zur Bundesregierung und zur eigenen Belegschaft. Heute sitzt sie im Vorstand und verantwortet ein eigens geschaffenes Ressort aus Personal, IT, Einkauf und Transformation. Im Gespräch mit Bastian Lopez Estrada erzählt sie, wie es sich anfühlt, wenn ein Unternehmen 200 Millionen Euro am Tag verliert und trotzdem 1.000 Stadtwerke weiter mit Gas versorgt, warum Vertrauen in der Krise nicht entsteht, sondern sich vorher aufbaut, und weshalb es kein Zurück zu billigem Pipeline-Gas geben wird. Dazu: was „capability based" für Karrieren bedeutet, warum KI bei Uniper bewusst nicht mit einem Sparprogramm verknüpft wird – und welche Frage sie beim Berufseinstieg junger Menschen noch für unbeantwortet hält.
„Das war eine Form von Purpose, den dir kein Unternehmensberater aufschreiben kann."
— Fabienne Twelemann
Krisenstäbe, Lage-Assessments, feste Abläufe – all das hat funktioniert. Getragen hat aus Twelemanns Sicht aber etwas anderes: das Vertrauen und Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen, die jedes Wochenende gemeinsam durchgearbeitet haben. „Das ist ja kein 9-to-5-Job mehr, den du da machst." Der Punkt: Dieses Kapital lässt sich nicht kurzfristig aufbauen, wenn es hart auf hart kommt.
Ohne russisches Gas musste Uniper zu Weltmarktpreisen einkaufen und weit darunter an rund 1.000 Stadtwerke und Industriekunden liefern. Zeitweise stand das Unternehmen kurz vor der Insolvenz; intern kursierte der Vergleich mit Lehman Brothers, weil niemand die Kettenreaktion abschätzen konnte. Beispiel Glasindustrie: Fällt das Gas aus und erkaltet die Schmelze, sind die Öfen wirtschaftlicher Totalschaden. „Wir haben auch keinen hängen lassen" – das war der Purpose, den kein Berater hätte formulieren können.
Das deutsche Geschäftsmodell basierte jahrzehntelang auf günstiger Energie. Twelemanns klare Ansage: Dahin will und wird niemand zurück, das Risiko war zu groß. Stattdessen breite Diversifizierung des Gasportfolios über viele Länder – zuletzt etwa ein Langfristvertrag mit dem kanadischen Projekt Ksi Lisims LNG, das seine Betriebsenergie aus Wasserkraft ziehen soll. Das kostet mehr, dazu kommen Netzinvestitionen. „Das haben wir, glaube ich, zu lange ausgeblendet."
Ihr Ressort bündelt Personal, IT, Einkauf und die interne Transformationseinheit – bewusst geschaffen, damit strategische Entscheidungen nicht erst mit Verzögerung bei Prozessen und Menschen ankommen. Dahinter steht die Überzeugung, dass Veränderungsfähigkeit die entscheidende Kompetenz ist und Organisationen künftig „capability based" gedacht werden müssen: nicht Position und Lebenslauf, sondern die tatsächlichen Fähigkeiten der Mitarbeitenden als Grundlage. Ihre Hoffnung: dass das Modell in zehn Jahren eine Blaupause ist.
Uniper koppelt KI ausdrücklich nicht an ein Personaleinsparprogramm, sondern an bessere Entscheidungen und Produktivität bei stabiler Belegschaft. Copilot wurde breit an die Mitarbeitenden ausgerollt, im Kraftwerk hat ein Team selbst einen Agenten gebaut, der regulatorische Vorgaben, Erfahrungsberichte, Wetter und Marktpreise auswertet und den besten Reparaturzeitpunkt vorschlägt – aus einem halben Tag Recherche wird eine Auswertung. Ungelöst bleibt für sie: Wenn KI die klassischen Recherche- und Einstiegsjobs übernimmt, wo sammeln junge Menschen dann die Erfahrung, die es braucht, um KI kritisch zu nutzen?
Fabienne Twelemann ist seit dem 1. November 2025 Mitglied des Vorstands der Uniper SE, Arbeitsdirektorin und Chief People & Transformation Officer. Ihr neu geschaffenes Ressort bündelt Personal, IT, Einkauf und Real Estate sowie Operational Excellence und die interne Transformationseinheit. Die studierte Politikwissenschaftlerin kam über ein Sommerpraktikum zu E.ON und ist seit über 20 Jahren in der Energiewirtschaft – 2016 war sie an der Gründung von Uniper beteiligt, der Abspaltung des konventionellen Kraftwerks- und Commodity-Geschäfts von E.ON. Rund vier Jahre verantwortete sie als Leiterin Kommunikation und Politik die Schnittstelle zur Bundesregierung sowie die interne und externe Kommunikation – auch während der Energiekrise 2022, als Uniper vom Bund gestützt wurde. Ende 2024 übernahm sie den Personalbereich, ein Jahr später rückte sie in den Vorstand auf. Sie hat zwei Kinder.